.... nicht einfach nur "mittelalterliche" Geschichte

 

Wer war in seiner Kindheit nicht fasziniert von den Abenteuern, welche Ritter, Wikinger und Burgfrauen in alten Filmen erleben durften. Wir waren schon zu Kindesbeinen mit diesem "Virus" infiziert und so ist es nachvollziehbar, das wir diesen Traum, einmal ins Leben des Mittelalters einzutauchen nun in die Tat umgesetzt haben und uns intensiv mit diesem Thema beschäftigen. Nicht nur in theoretischer Form, auch in der Praxis möchten wir das Mittelalter vermitteln und zeigen, das Geschichte durchaus Spaß machen kann und dazu noch überaus spannend ist. Viele Jahre sind wir seither in verschiedenen Bereichen des Mittelalters tätig, anfangs zur 200 Jahrfeier von Speyer in selbst genähten Gewändern aus alten Gardinen, später bei KZK als Kostümstatist und Rattenfänger oder wo immer sich die Möglichkeit bot, das Mittelalter zu erleben.

 

 

 

Wir und das Hochmittelalter

 

Am 26. April 2008 hat As Vicus Sciferstat das Licht dieser Welt erblickt. Gegründet haben wir (Alexandra & Mario) die IG als kleine geschichtsinteressierte Familie aus Schifferstadt. Zuvor waren wir einige Jahre aktive Mitglieder in einem badischen Mittelalterverein, welcher einen Fronhof des 12. Jahrhunderts darstellt. In diesen Jahren konnten wir Erfahrung sammeln und lernen und dafür danken wir noch heute dieser Gruppe. Da wir aber sehr mit unserer Heimatstadt und dem naheliegenden Speyer verbunden sind, war es nur eine Frage der Zeit bis wir den großen Schritt zur Gründung einer eigenen Gruppe mit selbst gestaltetem Inhalt wagten.

 

Ursprünglich war das große Ziel, das gesamte Dorf Sciferstat im Hochmittelalter darzustellen, schnell war jedoch klar das diese Aufgabe auf Grund ihrer Vielfältigkeit nicht zu bewältigen war. Daher entschlossen wir uns im winter 2008/2009 dazu, das Ganze auf einen Klosterhof des Ordo Hospitalis einzugrenzen. Dieser Hof ist zum einen geschichtlich Belegt (und war neben weiteren Höfen der Hospitaliter in Waldsee sowie einem großen Gut in Speyer der Kommende Heimbach unterstellt), des weiteren läßt sich in diesem überschaubaren Rahmen eine schöne Struktur darstellen. Natürlich zog dieser Entwicklungsschritt auch große Umstrukturierungen innerhalb der Gruppe mit sich, was sich aber im Großen und Ganzen sehr positiv ausgewirkt hat.

 

Im Herbst 2009 wagten wir den nächsten großen Schritt und vollzogen die Öffnung unserer Darstellung ins 13. Jahrhundert. Dieser Schritt war notwendig, um  zum einen mit befreundeten Gruppen wie die Epposteiner eng zusammenarbeiten zu können, des weiteren war und ist ja unser Ziel das Hochmittelalter darzustellen und dazu gehört nun mal auch das 13. Jahrhundert.

 

 

 

Das Hochmittelalter als geschichtlicher Fakt

 

Als Hochmittelalter wird in der Mediävistik die von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts dauernde Epoche bezeichnet. Wichtig dabei ist, dass sich dieser Begriff im wissenschaftlichen Sinne ausschließlich auf West- und Mitteleuropa bezieht. Auf den benachbarten byzantinischen oder den islamischen Bereich und die außereuropäische Geschichte trifft er nicht oder nur sehr begrenzt zu.

Die Abgrenzung des Hochmittelalters zum Frühmittelalter wird unterschiedlich vorgenommen. Eine Möglichkeit ist die Mitte des 11. Jahrhunderts, weil sich ab dieser Zeit ein umfassender Wandel in Gesellschaft, Kirche und Lebensform in Europa vollzog. Dieser Wandel wurde durch ein bis in das 14. Jahrhundert anhaltendes Bevölkerungswachstum ausgelöst. Neue Gebiete mussten erschlossen, die Produktionsmethoden zur Erhöhung der Erträge verbessert werden. Dies förderte Handwerk und Handel, und damit wiederum die Geldwirtschaft. Neue Märkte entstanden, Gilden wurden gegründet, die wiederum die Kassen der Städte füllten. Eine seit der Antike nicht gekannte soziale Mobilität entwickelte sich, sowohl örtlich als auch den sozialen Stand betreffend.

 

Die Kirche mit dem herausgebildeten Papsttum entwickelte nach innen eine klare Hierarchie, nach außen kämpfte sie mit den weltlichen Herrschern um die Vormacht. Diese Machtkämpfe wurden von vielen Zeitgenossen kritisiert. So entstanden in Deutschland kirchliche Reformbewegungen, es kam in dieser Zeit allerdings auch zum Investiturstreit. Das Hochmittelalter war auch eine Blütezeit der geistlichen Orden, wie beispielsweise der Zisterzienser oder der Prämonstratenser.

 

Bildung wurde in den Vordergrund gerückt. Es entstanden Dom- und Klosterschulen (wie z.B. in Speyer), und die ersten Universitäten wurden gegründet. Neben Theologie wurden vor allem die Fächer Medizin (vor allem in Frankreich) und Jura (vor allem in Italien und dort insbesondere in Bologna) gelehrt. Diese Bildungsrevolution wurde durch die Wiederentdeckung antiker Schriften ermöglicht (wie die des Aristoteles), die aus dem arabischen beziehungsweise byzantinischen Bereich nach Westeuropa gelangten. Infolge dieses Prozesses bestimmte nun die Scholastik das wissenschaftliche Denken.

 

Lesen und Schreiben waren nicht mehr nur Fertigkeiten des Klerus, sondern zunehmend auch von Teilen der Beamten (Ministeriale) und Teilen des Adels. Die Literatur bediente die neuen Leser, indem sie nicht nur geistliche und philosophische Themen verarbeitete. Es wurde nicht mehr nur in lateinischer Sprache, sondern auch in Landessprache geschrieben. In der Malerei wandte man sich von der Darstellung geistlicher Themen hin zur Darstellung von Natur und Alltag. In der Architektur herrschte die Romanik noch lange Zeit vor, jedoch gegen Ende auch schon die ersten vorsichtigen gotischen Einflüsse. Die Menschen, denen dies möglich war, konnten sich relativ sicher frei und sicher innerhalb weiter Teile Westeuropas bewegen.

 

Das Hochmittelalter war natürlich auch die Zeit der Kreuzzüge. Diese Epoche war auch die Blütezeit der christlichen Ritterorden (z.B. Hospitaliter, Templer) und des weltlichen Rittertums, das sich in Folge eben jener Kreuzzüge neu definierte.

Im staatlichen Bereich büßte in jener Zeit das Heilige Römische Reich und vor allem der Pabst erheblich an Macht ein, während die „nationalen Königreiche“ (England und Frankreich) an Macht und Einfluss gewannen.

Im wirtschaftlichen Bereich kam es zur Ausbildung eines Bankensystems, vor allem in Oberitalien und Venedig.

 

 

 

Wie wir unsere Darstellung sehen

 

Sciferstat hat eine sehr bevorzugte Lage, zum einen leben wir fast direkt am Rhein, welcher auch schon im Mittelalter eine wichtige Lebensader von Süd nach Nord war. Entlang des Stroms führten seit der Römerzeit gut gepflegte Handelswege, von denen einer auch direkt durch Sciferstat hindurch nach Spira führte. Eine weitere Achse führte nach Westen in den Pfälzer Wald Richtung Kaiserlautern und Trier.

 

Unser Zenit sehen wir in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Als Klosterhof er freien Commende Eppostein erwirtschaften wir gute Erträge auf Feld und Flur, züchten das ein oder andere Viehzeug und schlichten Streitfälle zwischen den Herren aus Speyer und der Abtei Limburg. So stehen die Hospitalbrüder neben den Bauern und Handwerkern im Klosterhof eher an der Werkbank oder auf dem Feld ihren Mann, als denn unter Waffen. Jedoch nicht ganz, denn ein wesentlicher Teil der täglichen Arbeiten besteht auch aus dem Pilgerschutz der zentralen Pilgerstraßen von und nach Speyer sowie der Pflege und Aufnahme bedürftiger Menschen.

 

Neben dem geschäftlichen Zweig des Hofes betrieb man natürlich noch Pilgerpflege und Pilgerschutz, denn der Weg durch Sciferstat führte nach Spira und von dort durch den Pfälzer Wald über das Kloster Hombach nach Straßburg und dann weiter bis nach Santiago de Compostela.

 

Momentan wird der Klosterhof durch Fra Marius verwaltet. Er war mit vielen Speyerern als Pilger im Heiligen Land (damals noch als freier Handwerker in einer Gruppe des Bischofs von Spira), trat in Jerusalem nach einem längeren Aufenthalt im Muristan dem Orden der Hospitaliter bei und verdiente seine Sporen im Pilgerschutz und Hospitaldienst. Zurück aus dem heiligen Land und versehen mit dem Titel Caranvansier wurde er von seiner Commende beauftragt, den Hof in Sciferstat unter Aufsicht der freien Commende Eppostein zu leiten. Am XXVI Tage des Scheidung im Jahre MCCLIX wurde er daher vom Commendator der freien Commende Eppostein in den Stand des Ritterbruders erhoben.

 

Das Klima ist sehr angenehm zur Zeit, die Sommer sind warm, es gibt dennoch genug Regen und die Ernten fallen überdurchschnittlich gut aus (wir können uns das damalige Klima in etwas wie das heutige vorstellen). Der Ertrag der Felder wurde entweder direkt an den Kloster der Commende in Spira überstellt oder durch den örtlichen Händler an Pilger und fahrende Kaufleute verkauft. (zum Thema Klima siehe auch  http://www.deutschland-im-mittelalter.de/klima-wetter.php )

 

Die Abtei Limburg hatte natürlich großen Einfluß auf den Ort und stellt neben einigen Verwaltungsangestellten auch den Büttel oder Schultheiß (siehe dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/Schulthei%C3%9F ) Sciferstat's, welcher die niedere Gerichtbarkeit (siehe dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/Niedere_Gerichtsbarkeit ) richten durfte und dem Orden natürlich nicht unterstand.

 

Hinzu kommt da noch der Bischof von Spira, in unserer Zeit war dies Heinrich II. Graf von Leiningen (1245-1272) und immer im Disput mit dem Abt der Limburg ebenfalls große Ansprüche in Sciferstat erhob und unser kleiner Klosterhof das nicht ganz unbedeutende Zünglein an der Waage war. Wir sehen, hier ist also eine Menge an Stoff geboten, um die eigene Darstellung einzubinden und zugleich unserem hohen Anspruch gerecht zu werden, geschichtliche Daten und Fakten in rollenspielerischer Form den interessierten Besuchern unserer Lager weiter zu geben.

 

Ob der von uns dargestellte Klosterhof nun tatsächlich in dieser gezeigten Form bestand, lässt sich heute nur noch teilweise belegen. Aufgrund unserer Recherchen können wir jedoch mit Sicherheit sagen, das es in Waldsee, Otterstadt, Zeiskam und mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Schifferstadt Gutshöfe der Hospitaliter gab, welche einem größeren Klosterhof in Spira unterstanden, zugehörig der Kommende Heimbach und spätestens 1189 gegründet. Belegt sind auch Kloster- bzw. Mönchshöfe der Abtei Limburg und der Deutschherren (Herrenhof) in Schifferstadt, mehr dazu im Bereich SCIFERSTAT

 

 

 

Geschichtliche Daten und Fakten

 

Wie war das nochmal mit der Geschichte des 12. Jahrhundert, wer regierte wo und welcher Edelmann hatte in welcher Position das Sagen, wer war Pabst, Bischof usw ....

 

Da man alleine für diese hundert Jahre ganze Bücher wenn nicht sogar Bibliotheken anfüllt wollen wir uns hauptsächlich auf die Begebenheiten des 12. Jahrhunderts interessieren welche auch für die Bewohner von Sciferstat von Belang waren. Grundsätzlich muss man davon ausgehen das der "Informationsfluss" eher langsam war. In der Regel dürften "Neuigkeiten" entweder aus Richtung Speyer oder vom Kloster Limburg ins Dorf vorgedrungen sein. Vielleicht war es den Leuten auch schlichtweg egal welcher Pabst gerade an der Macht war oder ob Sachsen einen König hatte denn diese Tatsachen hatten erstmal gar keine Auswirkung auf das dörfliche Leben.

 

Verbreitet wurden diese Neuigkeiten und Gerüchte vorwiegend von der Kanzel herab oder auf dem Markt. Und hier kommen wir ins Spiel. So versuchen wir einfach das "Geschichtswissen" der einfachen Leute auf Markt und Lager dem interessierten Besucher weiterzugeben wie es vielleicht die Menschen im Mittelalter auch getan hätten.

 

Um die Lager Sciferstats innerhalb des staufischen Reiches zu verdeutlichen, haben wir uns erlaubt eine Karte einzubinden welche die Gebietsgrenzen des 12. Jahrhunderts sehr schön darstellt. Hier wird vor allem ersichtlich das die Reise zu einem Meer fast schon einer Weltreise glich. Übliche Handels- und Reisrouten waren hauptsächlich der Rhein und die parallel auf den Höhenzügen verlaufenden alten Römer- und Pilgerstraßen (Quelle - Der Urweg von K.V. Buchholz). Wir können den Rhein getrost als unsere Lebensader verstehen. Straßburg, Worms und Speyer waren Sternpunkte der Jakobswege .........

 

 

Man beachte auch die für damalige Verhältnisse unfassbare Entfernung zu Rom. Und wenn wir jetzt an das Vielfache nach Jerusalem denken, einfach unglaublich ..... wie klein und bescheiden unser Horizont doch war .....

 

In diesem Bild sind alle Klostergründungen sowie alle Bischofssitze unserer Region während des Hochmittelalters aufgeführt. Bereits existente Klöster werden hier allerdings nicht noch einmal erwähnt. Für uns wichtig die Städte Speyer und Worms sowie die Klöster Limburg, Eußerthal (hier war Galterus bei einer Beurkundung Zeuge), Eberbach, Schönau und Maubronn.

.....und zu guter letzt noch eine Europakarte des11 Jahrhunderts, einfach um uns auch die Nachbarschaft nochmals vor Augen zu führen:

Im Laufe der letzten zwei Jahre haben wir eine umfangreiche Dokumentation über das 12. Jahrhundert und das Hochmittelalter zusammengestellt, anfänglich am Hof in Ketsch und jetzt neu überarbeitet für Sciferstat.

In diesem Dokument gehen wir neben den üblichen geschichtlichen Eckdaten stark auf das Leben der Menschen während des Hochmittelalters in Stadt, Land und dörflicher Gemeinschaft ein.

Wir möchten versuchen mit diesen Aufzeichnungen allen Interessierten eine Art Leitfaden in die Hand zu geben um sich in die Lebensumstände hineinversetzten zu können und somit die Lebensart des Mittelalters besser zu verstehen.

Bei Interesse an diesem Dokument bitten wir sich mit uns in Verbindung zu setzen oder einfach eine Email an mario@as-vicus-sciferstat.de zu schreiben

Ein Klick auf das Deckblatt führt zum Inhaltsverzeichnis !

..... wobei uns tatsächliches Wissen um das Hochmittelalter natürlich weitaus umfangreicher ist, als gute Grundlage für eine einwandfreie Darstellung und einfach weil Geschichte unglaublich viel Spaß macht ! (und unheimlich spannend dazu)